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Stand der medizinischen Forschung

Inhalt:

Die modernen Kombinationstherapien (auch: antiretrovirale Therapie = ART bzw. Hoch aktive ART = HAART) können dem Virus einiges entgegensetzen, das Leben von Menschen mit HIV deutlich verlängern und die Lebensqualität verbessern. HIV aus dem Körper entfernen, also heilen, können sie aber nicht.

Wie alle Viren benötigt auch HIV sogenannte Wirtszellen, um sich zu vermehren. Dazu gehören zum Beispiel die CD4-Helferzellen des Immunsystems. Das Virus dockt zunächst an die Zellen an und dringt in sie ein, um dann seine eigenen Erbinformationen einzuschleusen, so dass die Zellen neue Viren produzieren. Die gegen HIV gerichteten Medikamente setzen an verschiedenen Punkten dieses Prozesses an und lassen sich von daher in mehrere Gruppen unterteilen:

Entry-Inhibitoren

Entry-Inhibitoren verhindern, dass HIV in die Zelle eindringt. Sie wirken also nicht in der Zelle, sondern auf deren Oberfläche: Zum einen kann man die Verschmelzung der Virushülle mit der Zellwand verhindern. Diese Medikamente, eine Untergruppe der Entry-Inhibitoren, heißen Fusionsinhibitoren. Zum anderen kann man bereits das Andocken des Virus an die Zelle verhindern, indem man beispielsweise bestimmte Bestandteile der Zelloberfläche (Rezeptoren) blockiert, die HIV benötigt, um sich an der Zelle "festzuhalten" bzw. den Prozess des Eindringens vorzubereiten.

NRTI (Nukleosidale bzw. Nukleotidale Reverse-Transkriptase-Inhibitoren/-Hemmer)

Das Virus muss seine Erbinformationen umschreiben, damit sie in die Zelle eingebaut werden können. Zunächst liegen sie in der sogenannten viralen RNA (Ribonukleinsäure) als einfacher, spiralförmiger Strang vor. Um diesen zur doppelsträngigen DNA (Desoxyribonukleinsäure) zu verwandeln, die zur menschlichen DNA passt, werden die Erbinformationen rückwärts abgeschrieben. Diesen Prozess leistet ein Enzym (Eiweiß) namens "Reverse Transkriptase". Hier setzen die Medikamente an: Sie schleusen einen leicht veränderten Baustein in die Zelle ein, der nur scheinbar zu den anderen des Virus passt. Man kann ihn ungefähr mit einem Legostein vergleichen, dessen Noppen ein wenig größer sind als normal. Sobald dieser Stein nun in die Kette der Erbinformationen des Virus eingebaut wird, zerfällt sie, weil keine haltbare Verbindung mehr hergestellt werden kann. Diese Medikamente heißen Nukleosidale bzw. Nukleosidanaloge Reverse-Transkriptase-Hemmer, weil ihre Eiweiß-Bausteine den Originalen ähneln (Nukleoside bzw. Nukleotide sind Bausteine der Erbinformation.)

NNRTI (Nicht-Nukleosidale Reverse-Transkriptase-Inhibitoren/-Hemmer)

Diese Medikamente setzen am gleichen Punkt der Virusvermehrung an, nämlich bei der Reversen Transkriptase. Sie blockieren das Enzym jedoch direkt, indem sie sich anlagern und so das Werkzeug, mit dem die Erbinformationen zusammengesetzt werden, funktionsunfähig machen.

Integrase-Inhibitoren

Diese Medikamente hemmen den Einbau (Integration) der Virus-DNA in die DNA der menschlichen Wirtszelle, die im Zellkern liegt.

PI (Protease-Inhibitoren)

Protease-Inhibitoren hemmen ein Virus-Enzym namens Protease, das kurz vor dem Ende der Virusproduktion in der menschlichen Zelle eine entscheidende Rolle spielt: Die Zelle hat mehrere Bestandteile des HI-Virus hergestellt, sogenannte Virus-Vorstufen. Die Protease setzt diese schließlich zusammen. Wird die Protease gehemmt, kann kein Virus mehr fertiggestellt werden.

Entscheidend: verschiedene Medikamente werden kombiniert

Wenn alle diese Medikamente die Vermehrung von HIV stark eindämmen können - warum braucht man dann mehrere in Kombination? Ganz einfach: Keines der Medikamente kann die Virenproduktion vollständig verhindern. Der Grund: Durch Fehler beim Kopiervorgang entstehen immer wieder Varianten des Virus (Mutationen), darunter auch solche, die sich trotz eines Medikaments vermehren können, weil sie Veränderungen an den Enzymen aufweisen, die durch die Medikamente blockiert werden sollen. Wird nur ein Medikament gegeben (Monotherapie), vermehrt sich eine solche Virusvariante sehr stark, während die anderen Varianten am Medikament scheitern - bis schließlich die Mehrheit der Viren im Körper des Infizierten den veränderten Bauplan aufweist. Das Medikament ist dann nicht mehr wirksam. Man spricht in diesem Fall von einer Resistenz des Virus gegen das Medikament. Verhindern oder verzögern kann man diesen Vorgang durch die gleichzeitige Gabe mehrerer Medikamente: Wenn sich eine HIV-Mutation dem Zugriff eines Medikaments entzieht, greift eben ein anderes. Bei der Gabe von drei Medikamenten kann man in der Regel die Bildung von Resistenzen lange Zeit verhindern.

Die Medikamente bewirken, dass die Zahl der freien Viren im Blut, die Viruslast, abnimmt (im optimalen Fall ist HIV nicht mehr nachweisbar) und die Zahl der Helferzellen zunimmt - das Immunsystem erholt sich. Um dieses Ziel zu erreichen, muss die Therapie vorschriftsmäßig eingenommen werden. Dann kann man in der Regel lange mit HIV leben - wie lange genau, lässt sich bisher noch nicht sagen. Man geht aber unter günstigen Bedingungen von drei oder vielleicht auch vier Jahrzehnten aus. Voraussetzung für eine optimale Wirksamkeit ist allerdings, dass die Therapie von Anfang an gut geplant und auf die Patientinnen und Patienten abgestimmt wird. Je größer die Erfahrung der Ärztin/ des Arztes mit der HIV-Therapie, desto besser und andauernder der Therapieerfolg. Deswegen sollte die medizinische Behandlung von Menschen mit HIV/Aids stets in HIV-Schwerpunktpraxen oder HIV-Ambulanzen erfolgen.

Nebenwirkungen

Die Nebenwirkungen der Therapie unterscheiden sich je nach Medikament und Patientin oder Patient. Kurzzeitnebenwirkungen wie Durchfälle und Kopfschmerzen gehen meist nach einigen Wochen zurück und sind in der Regel gut behandelbar. Und auch die Langzeitnebenwirkungen wie schmerzhafte Entzündungen der Nerven in den Beinen (Neuropathien) oder Störungen des Fettstoffwechsels und der Fettzusammensetzung des Körpers (Lipodystrophie), die die HIV-Infektion früher auch äußerlich sichtbar machten, lassen sich mit den modernen Medikamenten eher vermeiden oder durch einen Wechsel der Kombination in den Griff bekommen. Grundsätzlich überwiegt der Nutzen der Therapie deutlich deren Nebenwirkungen: sie verlängert nicht nur das Leben, sondern verbessert auch die Lebensqualität HIV-infizierter Menschen.

Gibt es bald neue Medikamente?

Zurzeit stehen über 20 verschiedene Substanzen zur Behandlung der HIV-Erkrankung zur Verfügung. Außerdem sind zahlreiche neue Substanzen in der klinischen Entwicklung. Erforscht wird aber nicht nur, wie die Viruslast im Körper gesenkt werden kann, sondern auch, ob sich das menschliche Immunsystem gezielt so anregen lässt, dass es mit der Infektion besser zurechtkommt und HIV aus eigener Kraft besser bekämpfen kann. Diese Forschungsansätze zur Behandlung von HIV-Infizierten ähneln entweder den Ansätzen zur Entwicklung einer Schutzimpfung (siehe unten) oder sind der Gentherapie zuzuordnen.

Wann kommt ein Impfstoff gegen HIV?

In den 80er Jahren hieß es, in wenigen Jahren werde es einen Impfstoff gegen HIV geben. Heute traut sich kaum ein Wissenschaftler mehr, eine halbwegs verlässliche Prognose abzugeben. Der Grund liegt in der Vielfalt und in der Veränderbarkeit des Virus: Verschiedene Subtypen mit verschiedenen Bauplänen, Mischtypen dieser Subtypen - sogenannte Rekombinanten - und die genetische Wandelbarkeit des Virus machen es der Forschung besonders schwer.

2007 erlitt die Impfstoffforschung einen schweren Rückschlag: In einer großen Studie hatten sich mehr Impflinge mit HIV infiziert als Menschen, die nicht mit dem neuen HIV-Impfstoff geimpft waren. Der Impfstoff scheint also die Anfälligkeit für eine HIV-Infektion eher erhöht als gesenkt zu haben. Momentan hat sich daher große Ernüchterung breit gemacht - für die Prävention werden wir in den nächsten Jahren nicht auf einen Impfstoff hoffen können. Und wenn es irgendwann doch gelingen sollte, einen einsatzfähigen Impfstoff zu produzieren, wären die Geimpften wahrscheinlich nicht vollständig vor einer HIV-Infektion geschützt - der "Impferfolg" würde vielmehr darin bestehen, dass die Infektion milder verliefe und die Viruslast geringer wäre. Dann wäre der infizierte Impfling auch weniger infektiös (= ansteckend für andere).

Welche anderen (medizinischen) Möglichkeiten zur Senkung des Übertragungsrisikos werden zurzeit erforscht?

  • Mikrobizide: Mikrobizide sollen - z. B. als Creme oder Zäpfchen in der Scheide - verhindern, dass HI-Viren in die Blutbahn der Frau eindringen. Theoretisch könnte das ein entscheidendes Mittel sein, um Frauen mehr Unabhängigkeit vom Schutzverhalten der Männer zu bieten. Das Ziel der Forschung ist, Mikrobizide zu entwickeln, die wirksam gegen das Virus, aber gleichzeitig unproblematisch für die Schleimhaut sind, denn wenn das Mikrobizid die Schleimhaut der Scheide angreift, könnte es im ungünstigsten Fall auch eine HIV-Übertragung fördern. Mehrere Mikrobizide wurden bereits in großen klinischen Studien mit tausenden von Frauen geprüft. Erste Ansätze haben sich dabei als unwirksam erwiesen, die Hoffnungen ruhen nun auf neuen Substanzen, die - anders als die früheren Mikrobizid-Kandidaten - HIV-Medikamente enthalten. Damit aber werden sie - wenn sie denn ihre Wirksamkeit beweisen sollten - auch teurer sein, obwohl sie vor allem für Frauen in ärmeren Ländern entwickelt werden. In diesem Jahrzehnt ist die Entwicklung eines marktreifen Mikrobizids unwahrscheinlich.
  • Prä-Expositions-Prophylaxe (PREP): Weil es im ungünstigsten Falle sein kann, dass auch in den nächsten 20 Jahren noch keine Impfung bzw. kein ausreichend wirksames Mikrobizid bereitsteht, besinnt sich die Forschung zurzeit auch in der Prävention auf das, was wirkt: Medikamente gegen HIV. Zurzeit wird in großen klinischen Studien erforscht, ob die tägliche Einnahme eines Medikaments gegen HIV vor einer Infektion schützt. Die Untersuchungen finden an Personen statt, die ein hohes HIV-Infektionsrisiko haben. Erste Ergebnisse werden 2008 bis 2009 erwartet. Zahlreiche medizinische, ethische, juristische, ökonomische und praktische Fragen aber sind noch ungeklärt. Vergleichbar ist ein solches Vorgehen mit der Prävention und Therapie von Malaria. Allerdings weiß man aus diesem Gebiet, dass der Malariaerreger bei häufiger Anwendung der Anti-Malaria-Medikamente in der Prävention resistent wird. Dies könnte auch bei Anwendung von HIV-Medikamenten zur Verhinderung der HIV-Übertragung geschehen. Außerdem weiß man, dass es Menschen schwerfällt, Medikamente einzunehmen, wenn sie gar nicht krank sind.
  • Beschneidung: Aus großen Studien mit heterosexuellen Männern in Uganda, Kenia und Südafrika weiß man, dass die Beschneidung der Vorhaut das Risiko für eine HIV-Infektion um ca. 60 % senkt: Das innere Blatt der Vorhaut besteht aus zarter Schleimhaut, und diese enhält sehr oberflächlich gelegene Immunzellen, die Zielzellen für HIV darstellen. Mit einer Beschneidung reduziert man die Schleimhaut und damit die Eintrittsfläche für HIV. Die WHO hat daher im Frühjahr 2007 die Beschneidung in das "Präventionspaket" aufgenommen, vor allem dort, wo heterosexuelle Männer ein hohes Risiko für eine HIV-Infektion haben, z. B in Ländern des südlichen Afrikas. Allerdings wird man die Männer auch ausreichend informieren müssen - sonst könnten sie fälschlicherweise glauben, vor HIV geschützt zu sein und ihr Risikoverhalten steigern. Ein Schutz von 60 % ist statistisch viel - aber nicht genug für den Einzelnen. In Deutschland wird die Beschneidung aufgrund der geringen Zahl der Heterosexuellen, die sich mit HIV infizieren, keine bevölkerungsbezogene Maßnahme werden. Man wird also keine Beschneidungsprogramme durchführen, denn der Nutzen würde in keinem Verhältnis zu Aufwand und Schaden stehen. Im Einzelfall kann eine Beschneidung aber eine sinnvolle Ergänzung zu anderen Präventionsmaßnahmen (Safer Sex) sein. Homosexuelle Männer dagegen scheinen von der Beschneidung nicht zu profitieren. Nach einer australischen Studie nicht einmal diejenigen, die nur insertiv (als "Aktiver") und nicht aufnehmend (als "Passiver") Risiken eingehen. Allerdings gibt es hier noch keine so umfangreichen und aussagekräftigen Studien wie bei den Heterosexuellen.

Eine Einschätzung zu neuen Präventions-Optionen finden Sie in einer gemeinsamen Stellungnahme von BZgA und RKI. Ausführliche Informationen zum Thema "Beschneidung" erhalten Sie in einem Positionspapier der DAH.

Könnte man Maßnahmen, die nur einen Teilschutz bieten (Impfung, Mikrobizide, PEP, Beschneidung), in der Prävention verwenden?

Jährlich infizieren sich weltweit etwa 2,5 Millionen Menschen mit HIV. Statistisch gesehen könnte man auch mit Maßnahmen, die einen Teilschutz bieten, Tausende oder über Jahre sogar Millionen von Infektionen verhindern. Für den einzelnen Menschen hingegen reicht ein Teilschutz nicht aus. Wenn zukünftig Maßnahmen mit Teilschutz zur Verfügung stehen, werden sie den Schutz durch Safer Sex also nicht ersetzen, sondern ergänzen, z.B. als zusätzliche Sicherheit bei Kondomunfällen. Momentan gibt es keine Alternative zu Safer Sex. Die Verwendung von Kondomen bietet Schutz vor HIV und senkt das Risiko einer Übertragung anderer sexuell übertragbarer Krankheiten.

Eine Einschätzung zu neuen Präventions-Optionen finden Sie in einer gemeinsamen Stellungnahme von BZgA und RKI. Ausführliche Informationen zum Thema "Beschneidung" erhalten Sie in einem Positionspapier der DAH.

Mutter-Kind-Übertragung

Große Fortschritte sind in der Verhinderung der Übertragung von HIV von der Schwangeren bzw. der Mutter auf das Kind zu verzeichnen. Ohne medizinische Betreuung infizieren sich ca. 20-30 % der Kinder von HIV-positiven Müttern, vor allem rund um die Geburt oder durch die Muttermilch. Wenn die Schwangere optimal betreut wird, in den letzten Wochen vor der Entbindung Medikamente gegen HIV erhält und wenn das Baby per geplantem Kaiserschnitt geholt wird, in den ersten Lebenswochen ebenfalls ein Medikament gegen HIV erhält und nicht gestillt wird, kann eine HIV-Übertragung dagegen in fast allen Fällen verhindert werden - die Rate der sogenannten vertikalen Transmission liegt mit diesen Maßnahmen bei unter zwei Prozent.

Von diesen Chancen können die allermeisten Frauen in ärmeren Ländern allerdings nicht profitieren: Noch immer fehlt es vielerorts an Medikamenten, der medizinischen Infrastruktur (Labordiagnostik, Kaiserschnitt) und sauberem Wasser für die Flaschennahrung. Jährlich infizieren sich daher vor allem in den ärmeren Ländern über 400.000 Kinder mit HIV.

Fazit

Es ist nicht zu erwarten, dass man in absehbarer Zeit HIV aus dem Körper eliminieren - also heilen - kann. Sämtliche Ansätze zielen darauf,

  • die Wirksamkeit der Therapie lebenslang zu sichern. In Zukunft kommt es verstärkt darauf an, nebenwirkungsärmere Medikamente zu entwickeln,
  • Therapien zu vereinfachen, damit sie leichter einzuhalten sind (dazu zählt auch die Erforschung von geplanten Therapiepausen bei guter Immunlage),
  • die Preise der Therapien zu senken und die Behandlung allen zugänglich zu machen,
  • Resistenzentwicklungen durch eine qualifizierte Therapie zu verhindern.

Diese Fachinformationen wurden uns dankenswerterweise vom Medizinreferat der Deutschen AIDS-Hilfe zur Verfügung gestellt.

Stellungnahmen von BZgA und RKI sowie der DAH zu neuen Präventions-Optionen

Neues "Präventions-ABC" - neue Möglichkeiten?!
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Gemeinsamer Bericht von BZgA und RKI zur 16. Internationalen Aids-Konferenz in Toronto

Weniger Vorhaut - weniger HIV?
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Positionspapier der Deutschen AIDS-Hilfe zum Thema männliche Beschneidung als Präventions-Option.



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