Eine Kampagne der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
Zielgruppe
Ein Projekt für männliche Jugendliche aus der ethnischen Gruppe der Roma in Rumänien und Bulgarien, die der Prostitution in Berlin nachgehen
Die Projektverantwortlichen
SUB/WAY Berlin e.V.
Ansprechpartner: Lutz Volkwein
E-Mail Anschrift: lutz.volkwein@subway-berlin.de
Website: www.subway-berlin.de
Die Innovation
Innovative Zugänge
Der größte Teil der in Deutschland arbeitenden männlichen Prostituierten stammt nicht aus Deutschland. Viele sind Roma, die aus Rumänien und Bulgarien stammen und aufgrund begrenzter Arbeitsmöglichkeiten, oft ohne Wissen zu HIV, Aids und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten, der Prostitution nachgehen und damit hohen Infektionsgefahren ausgesetzt sind. Sie pendeln zwischen den Herkunftsländern und Deutschland und treten in Gruppen mit immer neuen Mitgliedern auf. Mit Hilfe des Ansatzes der Peer Group Education werden Schlüsselpersonen direkt aus dieser Szene für die Aidsprävention gewonnen. So werden sie über bestehende Kommunikationswege schon in ihren Herkunftsländern mit Angeboten der Aidsprävention erreicht.
Innovative Methoden
Die Schulung der Schlüsselpersonen basiert auf einem zuvor entwickelten Curriculum, das eng am Bedarf und den besonderen Belangen junger Roma in der Stricherszene ausgerichtet ist. Geschult werden Leader, die Verantwortung für ihre Gruppe tragen und in der Regel bereits über eine hohe Akzeptanz in ihrer Gruppe verfügen. Deshalb ist es zunächst wichtig, die richtigen Schlüsselpersonen in der Community zu identifizieren und ihnen über Einzelschulungen das erforderliche Wissen und ausreichende Handlungssicherheit zu vermitteln. Dies setzt voraus, dass gute Kontakte und Akzeptanz in die Zielgruppe aufgebaut werden. Die dann folgenden Einzelschulungen sind wichtig, da Homosexualität und Prostitution in der Zielgruppe vielfach tabu- und schambesetzt sind. Mit dem Projekt, das mit der spezifischen Zielgruppe junger Roma arbeitet, liegen bisher nur wenige Erfahrungen vor. Deshalb wird das Projekt phasengestützt evaluiert und bei Bedarf aktualisiert.
Kooperationspartner/Kooperationspartnerinnen
Im Rahmen des Projektes Sastimos können keine externen Kooperationspartner im klassischen Sinne benannt werden. Vielmehr werden die Kooperationspartner bei diesem Projekt aus der Community selber rekrutiert. Da die geschulten Personen bereits vor dem Projekt eine zentrale Rolle und Position in ihrer Community einnahmen, stellen sie sowohl die Wissensvermittlung als auch die Akzeptanz von Aidsprävention in ihrer Gruppe sicher. Zunächst wurden sie als Multiplikatoren gewonnen; später können sie zugleich als Kooperationspartner gelten.
Die Erfahrungen
Im Rahmen einer Aidsprävention, die schon im Herkunftsland ansetzt, wird der Problematik einer hohen Infektionsgefahr durch Prostitution begegnet. Vor allem Jugendliche aus der Gruppe der Roma stellen eine besonders riskierte Gruppe der Prostitution in Deutschland dar. Diese Gruppe der Jugendlichen verfügt mit Hilfe des Projektes über Wissen zu HIV/AIDS, sexuell übertragbare Krankheiten, Homosexualität, Grenzen der Arbeitsmöglichkeiten in Deutschland sowie Hilfe- und Unterstützungsmöglichkeiten und zwar schon bevor sie sich auf den Weg nach Westeuropa machen. Der bewährte und vielfach erprobte praktische Ansatz der Peer Group Education wird genutzt, um ihn auf gut funktionierende und bestehende Kommunikationsnetze der Zielgruppe anzuwenden. Dies zeigt, wie methodisch Bewährtes für neue Herausforderungen genutzt werden kann.
Die besonderen Stärken des Projektes im Überblick
Die Einschätzung der Jury
Das Projekt Sastimos hat die Jury in mehrfacher Hinsicht beeindruckt. So werden junge Roma, die als Stricher in Deutschland arbeiten oder vor dem Einstieg in die Prostitution stehen "auf Augenhöhe" und als Partner in die Aidsprävention einbezogen. Als besonders nachhaltig und umfassend hat die Jury bewertet, dass auch die Suche nach Ausstiegsalternativen aus der Strichertätigkeit über alternative Beschäftigungs- und Finanzierungsmöglichkeiten unterstützt wird.
In Steven Spielbergs Science-fiction-Film "Minority Report" spielt Tom Cruise einen Polizisten einer Spezialeinheit, die über ganz besondere Informationen verfügt. Diese Informationen ermöglichen es einzugreifen, bevor ein Verbrechen passiert. Bevor jemand Schaden nimmt. Für jeden, der beruflich mit den verschiedenen Facetten der Aids-Arbeit zu tun hat - wie auch ich als Vorstandsreferentin der Deutschen Aids-Stiftung - ist das natürlich die Idealvorstellung: jeden einzelnen Menschen rechtzeitig und effektiv zu schützen! Tatsächlich bedeutet erfolgreiche Präventionsarbeit ja nichts anderes als zu verhindern, dass Schaden angerichtet wird, dass Menschen beeinträchtigt und Leben zerstört werden.
Dieses Ideal wird man kaum je erreichen - und die in "Minority Report" entworfene Zukunftswelt ist auch sicher keine, in der man gerne leben würde. Aber exzellente Präventionsarbeit gibt es ganz real im Hier und Jetzt, und ich freue mich ganz besonders, heute den Preis an ein solches außergewöhnliches Präventionsprojekt überreichen zu können.
Sastimos hat die Jury in mehrfacher Hinsicht beeindruckt, weil es in beispielhafter Weise ganz früh auf einem Gefährdungsweg ansetzt und auf sehr direkte und effektive Weise seine besonders gefährdete Zielgruppe erreicht.
Sastimos - Anfang des Jahres 2007 von SUB/WAY berlin e. V. in Berlin ins Leben gerufen - setzt sich für den Schutz von männlichen Jugendlichen aus der ethnischen Gruppe der Roma in Rumänien und Bulgarien ein, die in Berlin der Prostitution nachgehen. Eine aus Sicht der Jury sehr gut ausgewählte Zielgruppe, da die Gruppe der Roma unter den in Deutschland tätigen Strichern besonders stark vertreten ist.
Das Projekt macht sich den Umstand zunutze, dass viele der hier tätigen ausländischen Prostituierten zwischen ihren Herkunftsländern und Deutschland hin und her pendeln. Dabei setzte das Projekt in den Herkunftsländern an; die Projektverantwortlichen beobachten dort, welche Ursachen die jungen Männer in die Prostitution führen, wie ihre ökonomischen und sozialen Voraussetzungen aussehen, auf welchen Wegen sie zwischen ihrem Herkunftsland und Deutschland pendeln und wer in ihren Gruppen eine Schlüsselstellung einnimmt. Auch Phänomene wie Kettenmigration, bei der Familien- und Gruppenangehörige nachziehen, werden wahrgenommen und offensiv für die Aidsprävention genutzt.
Insbesondere werden die Schlüsselpersonen, die ihre Freunde, Cousins, Brüder nach Deutschland holen, von Sastimos - der Name bedeutet auf Romanes Gesundheit - im Herkunftsland in Einzelschulungen qualifiziert, nicht zuletzt, um die beim Thema HIV und Aids verbreiteten Tabus und Schamgefühle abzubauen. So können sie die jungen Männer schon vor dem Einstieg in die Prostitution über die Lebensbedingungen in Deutschland, Übertragungswege von HIV und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten aufklären, sie über Aids und Schutzmöglichkeiten sowie Anlauf- und Beratungsstellen informieren. Darüber hinaus werden auch Beratung und Unterstützung beim Ausstieg aus der Prostitution angeboten.
Dieses speziell auf die Lebenssituation der Zielgruppe maßgeschneiderte Konzept der "Peer Group Education" sieht die Jury als beispielhaft an. Sastimos geht umfassend vor und auf "Augenhöhe" mit den Angesprochenen und bewegt die Zielgruppe selbst zum Handeln. Zu helfen, bevor ein Unglück eintritt, das ist hier - anders als im Kino - kein Science-fiction, aber in jeder Hinsicht zukunftsweisend.
Das Projekt wird mit 7.000 Euro unterstützt. Mit den Mittel möchten wir einen Beitrag zur Fortführung des Projektes leisten.
Wir wünschen Sastimos weiterhin gutes Gelingen und viel Erfolg!
Nach der Prämierung stand beim Projektträger erst einmal eine neue Herausforderung an. Eine Fachkraft, die muttersprachlich informieren und aufklären konnte, stand dem Projekt nur noch eingeschränkt zur Verfügung. Doch hier zeigte sich der Projektträger wieder innovativ und machte aus der Not eine Tugend. Ein Hauptteil des Preisgeldes wird nun für die Anschaffung von Hard- und Software genutzt, um mit muttersprachlichen, audiovisuellen Beiträgen aufzuklären. Eng angelehnt an den Mediengewohnheiten der Zielgruppe werden grundlegende Präventionsbotschaften vermittelt, um persönliche Beratungskontakte vorzubereiten. Der Imagegewinn, der von dem Preis ausging, war sehr hilfreich. Die Einrichtung muss sich selber finanzieren. Spenderinnen und Spendern wissen so noch besser, dass ihre Gelder gut angelegt sind.
Einstellung der Projekte
01.03.2010 bis 15.06.2010
Bewertung der Projekte
16.06.2010 bis 20.09.2010
Nominierung erfolgt
ab 21.09.2010
Prämierung der Gewinner
am 22.10.2010
Präsentation der Projekte
ab 25.10.2010